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Einmal Schottland und zurück

Ein Reisebericht von Dipl. Ing. Rolf Goltz Emden über die Schottlandrundfahrt der Bezirksgruppe 51 in der Zeit vom 23.05 bis 01.06.2003.

Eine Reise auf die britische Insel ist immer etwas Besonderes und das wurde den Teilnehmern gleich beim Empfang im englischen Hull klar. Nach dem Passieren des Kontrollpunktes im Hafen wurde die Gruppe vom Reiseleiter Alan begrüßt und gewiss werden die Gäste vom Kontinent immer mit ähnlichen Sprüchen bedacht. Es sind die Hinweise auf die etwas anderen Ordnungssysteme auf den Inseln, welche beim Linksverkehr beginnen und mit den anderen Maßeinheiten noch keineswegs beendet sind. Die unausgesprochene Frage, wann Großbritannien sich den kontinentalen Regelwerken im Zuge der Einheit anzupassen gedenkt, findet ihre Beantwortung immer in der eigenen Standortbestimmung die da lautet: Wann würde sich das europäische Festland endlich den vorzüglich funktionierenden Systemen der Insel anpassen? Zweifellos erzeugen derartige Äußerungen bei Gästen sofort für Heiterkeit, und trotzdem offenbart sich bei dieser eher harmlosen Begebenheit die Denkweise der Insulaner: Man ist immer überzeugt das Richtige zu tun und darin lässt man sich von nichts und niemandem übertreffen.

Die Reise führte in den Norden der großen Insel, ein Land das häufig mit dem Lebenswasser Whisky, dem Kilt als männlichem Kleidungsstück und der Wetterküche Europas in Verbindung gebracht wird. Wenn diese Klischees auch alle bedient werden können, so ist das Erleben Schottlands dann doch etwas ganz anderes. Schon das Betreten des schottischen Bodens wird dem Reisenden durch die Symbole des Landes angezeigt, was natürlich nichts mit dem Passieren einer echten Grenze gemein hat, trotzdem ist der Besucher aus dem Europa der euphorischen Erweiterungen über die Abgrenzungen verwundert. Wenn die Schotten in der Vergangenheit auch schon ihre eigene Nationalflagge, das eigene Rechtssystem und eine Fußballnationalmannschaft stellten, so ist es erst in jüngster Zeit im Zuge der Dezentralisierung zu einer echten Teilautonomie gekommen. Die Neuordnung manifestiert sich in dem Neubau des Parlamentes in Edinburgh, welcher die Stadt in ihrer ehrwürdigen Bausubstanz  wieder zu einer echten Hauptstadt werden ließ. Das auf einer Anhöhe thronende Edinburgh Castle ist die berühmteste der Burgen im Norden und Heimstätte der schottischen Kronjuwelen, von hier eröffnet sich für den Besucher ein wunderbares Panorama über die Stadt.

 

Auf dem Weg nach Norden ist der Firth of Forth zu queren, eine breite Einkerbung an der Ostküste und der bestimmende Blick fällt auf einen gigantischen Koloss aus Stahl, die Forth Railway Bridge. Das Bauwerk aus der Frühzeit des Eisenbahnbaues mag in der Historie der Ingenieurbaukunst weiterhin einen Platz beanspruchen und die Fachliteratur kommt gewiss  an diesem Monstrum auch nicht vorbei, jedoch scheint hier die Bauweise per Balken und Planken, Rahmen und Zapfen noch einmal in stählerner Form zur Ausführung gekommen zu sein, man ist eher an einen Filmklassiker erinnert. Das Werk eines verdienten Beamten der britischen Eisenbahnverwaltung, unfähig die Möglichkeiten des modernen Materials Stahl zu wagen? Natürlich hat sich auf diesem Gebiet seitdem eine gewaltige Entwicklung vollzogen, die Ergebnisse aus Materialforschung und die Computer gestützten Modellrechnungen ermöglichen heute völlig andere Brückenschläge und die Erskin Bridge bei Glasgow ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Das mittelschottische Tiefland im Dreieck Edinburgh - Glasgow - Aberdeen sind mit der Ansiedlung von Industrie und Technologie gleichzeitig am dichtesten bevölkert, während der Norden vorwiegend von Schafen bewohnt wird. Die  Anzahl dieser Tiere übersteigt statistisch gesehen das 4fache der in Schottland lebenden Menschen. Die Landschaft im Nordosten, eine Mischung aus sanften Hügeln, weiten Wiesen und baumbestandenen Parks, wurde von den betuchten Engländern schon immer geschätzt. Es galt in hoher Gesellschaft als schick ein Anwesen in Schottland zu besitzen. Das englische Königshaus unter Queen Viktoria, die eine ganze Generation imperialer Machtentfaltung verkörperte, schuf mit Balmoral Castle ihre Sommer-Residenz. Während des Aufenthaltes konnte sie ihrem Hofstaat entfliehen und die Amtsgeschäfte auf das Notwendigste beschränken, jedoch wollen auch Stimmen nicht verstummen, die Queen hätte hier in ihrem über 40 jährigen Witwendasein Lebensfreude für den harten Job getankt.

 

Weiter im Norden ist mit Dufftown die Whisky-Hauptstadt erreicht, welche in ihrer näheren Umgebung sieben Brennereien beherbergt. Die Distillery Glenfiddich, bekannt für einen guten Malt Whisky, bot neben einem Info-Zentrum, einem Whisky-Tasting und einer Führung, in einem Souvenirladen ihre Erzeugnisse an, die bei den Reisenden auf großen Zuspruch stießen. Bekanntlich nimmt mit dem Alter die Güte des edlen Tropfens noch zu, was den Reiseleiter Alan zu einem seiner makaberen Scherze animierte........

Zwei Freunde hatten in jungen Jahren einen guten Whisky erworben und sich das Versprechen gegeben, diesen nur bei einem außergewöhnlichen Anlass zu entkorken. Die Jahrzehnte waren vergangen, aber nie hatte ein solcher Anlass stattgefunden, als die Zeit des Abschiedes nahte. Der Sterbende erinnerte in seiner letzten Stunde an die verwahrte Kostbarkeit aus Jugendtagen und sprach zum Freunde: „Wirst Du an meine Grabstelle kommen und unseren Whisky darüber ausschütten?“ Natürlich versicherte der Freund die Erfüllung dieses letzten Wunsches, um dann fortzusetzen: „Gewiss wirst auch Du meinen lang gehegten Wunsch nicht ausschlagen. Bestimmt bist Du damit einverstanden, dass ich den Whisky erst dann ausschütte, wenn er meine Nieren passiert hat.........“.

Die schottischen Highlands bewirken die Teilung der Küsten in unterschiedliche Wetterzonen, während der Osten von kühlen Winden aus der Nordsee erfasst werden kann, ist es imWesten dank des Golfstromes und dem Windschutz durch die Bergketten meist milder. Bei der Fahrt durch die kargen Highlands erscheint es kaum vorstellbar, dass früher ein Großteil des Landes mit Kiefern, Birken und Eichen bedeckt war, aber der Kaledonische Wald ist im Schiffsbau und später in Holzkohle durch die Industrialisierung verschwunden. Nebelschwaden ziehen über das Land, oft sind die 1300er Gipfel in eine Nebeldecke gehüllt. Einzelne Regentropfen benetzen die Scheiben, hinter der nächsten Kurve wird daraus ein heftiger Schauer und schon nach kurzer Zeit findet die Fahrt auf engsten Straßen bei strahlendem Sonnenschein statt. Das Wetter kann von einer Minute zur anderen wechseln. Zur Begegnung von größeren Fahrzeugen sind auf den schmalen Straßen der abgelegenen Bergregion beiderseits der Strecke Ausweichstellen angelegt, trotzdem kann es auf schottischen Straßen zu Problemen kommen, besonders wenn Reisebusse aus Germany einander passieren müssen.

Die Highlands selbst sind noch einmal durch den Great Glen geteilt. Diese tiefe geologische Bruchlinie führte schon vor über 150 Jahren kluge Ingenieure auf den Plan für Passagier- und Handelsschiffe eine leicht zu befahrende Route zwischen der Nordsee und dem Atlantik zu schaffen. Obwohl der Kaledonische Kanal insgesamt über 90 km lang ist, sind nur 35 km von Menschenhand geschaffen worden, der Rest besteht aus den Seen mit den wohlklingenden Namen, wie Loch Dochfour, Loch Ness, Loch Oich und Loch Lochy, welche durch eine Reihe von Schleusen miteinander verbunden sind. Charakteristisch für Schottland sind die zahlreichen Lochs, wobei dieses Wort aus dem Gälischen nicht nur die großen Binnenseen, sondern auch die bis zu 60 km ins Land gehenden Meeresbuchten bezeichnet. Der Kanal mündet bei Inverness in die Nordsee, touristischer Kristallisations- und Ausgangspunkt vieler Touren zur zerklüfteten Westküste und zu den vom Sturm umtosten Inselketten der Hebriden.                                           

Nach Überquerung der Northwest Highlands bringt das Frühjahr mit seinem klaren Licht besonders an der klimatisch begünstigten Westküste ein zauberhaftes Blütenmeer in allen Farben hervor, haushohe blühende Rhododendronsträucher säumen die Landstraßen. EinSchotte namens Osgood Mackenzie begann schon vor über 100 Jahren mit der Anlage eines Gartens mit blütenreichem Charme am Loch Ewe. Die warmen Wasser des Golfstroms lassen sogar subtropische Gewächse im Inverewe Garden gedeihen und der Besucher glaubt sich in den Süden versetzt. Der Blick fällt auf den Minch, eine Meeresenge im Schutze der Hebriden und ein Einödstützpunkt der Marine ist in der Ferne erkennbar. Diese Region hatte früher eine andere strategische Bedeutung, hier wurden vor 60 Jahren die Konvois mit der Militärhilfe für den Verbündeten nach Murmansk zusammengestellt. Die Fahrt an der Küste setzt sich bis zur Insel Skye fort, welche neuerdings über eine mautpflichtige Brücke erreichbar ist. Die Abendnebel schleichen über Loch Duich und beim Anblick des ehrwürdigen Eilean Donan Castle bleibt die Zeit für einen Moment stehen.

Mit Gretna Green, ein Ort in dem der Schmied in früheren Zeiten familiäre Tatsachen schuf, wurde Schottland verlassen. Wenn sich das Land in seiner ganz anderen Art dem Besucher auch nicht gleich öffnet, so wurden die Herzen erst später um so heftiger berührt.

Letzte Änderung: 20.03.2009, 20:01 Uhr.
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